Warum mache ich das mit? – Ein Traumerlebnis in der Gesinnungshaft (Brief von Ursula Haverbeck – Juli 2018)

Dies ist ein Bericht aus einem mir völlig unbekannten Milieu, gehört und gesehen auf der Schwelle zwischen Schlaf und Wachen. Ort der Handlung: Bautzen, ein Ort, den ich nie gesehen habe, nicht einmal seine genaue Lage kenne.

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Ein kahler, gefliester Raum. In der Mitte ein harter, großer, feststehender Tisch, zwei Stühle, eine Bahre auf Rädern, ein Waschbecken, daneben ein an einen Wasserhahn angeschlossener, aufgerollter Schlauch.

Aus der einen Tür kommt ein bullig aussehender Mann, aus einer gegenüberliegenden Tür wird ein ängstlich wirkender Mann nur in Unterhose hineingeführt. Sein Begleiter drückt ihm ein Papier in die Hand und verschwindet.

Na, bist Du jetzt dran? Gib mal den Zettel her, also Nr. 3. Was hast Du denn gemacht? Ach, Du bist Kranführer, zertrümmerst mit der Birne alte Villen.“

Ja“, sagte der vom Riesenkran, „ich soll eine Verschwörergruppe anführen. Das ist doch Blödsinn, ich sitze doch ganz allein da oben, um die Birne genau zu steuern. Wie soll ich da einer Verschwörergruppe angehören?“

Na, das kannst Du doch nach acht Stunden Arbeit immer noch machen“, meint der Bullige.

Nee, ich sitze da oben zehn Stunden, komme ich endlich herunter, kann ich kaum noch gehen und falle nur noch ins Bett. Der ‚Große‘ ist zu kostbar, der muß voll ausgenutzt werden. Da gilt eben die Anordnung, ‚zehn Stunden‘“.

Hat Dich der ‚General‘ verhört?“

Ja, eine Woche lang. Ich habe ihm immer wieder erklärt, daß seine Frage oder sein Verdacht absurd sei, weil das von der Zeit gar nicht zu machen war.“

So“, sagt der Bullige: „Da hat er Dich nun zu mir geschickt mit dem Befehl Nr. 3. Damit ich das aus Dir herauskriegen soll.“

Was heißt denn das?“, fragt der nun schon vor Angst Zitternde.

Nr. 3 ist, den Schädel breitschlagen.“

Dann kannst Du mich auch gleich umbringen.“

Nee, man kann das überleben, aber nicht mehr solche Verschwörungen ausdenken. Na, Du hast mir leidgetan, da habe ich einfach ‚Nr. 2‘ gelesen.“

Was ist denn Nr. 2?“

Da werden Dir nur alle Zähne ausgeschlagen“, erklärt der Bullige.

Wütend und zugleich vor Angst zitternd sagt das Opfer: „Ach so, ihr meint, dann könnte ich besser reden?“

Blödsinn“, sagt der Bullige, packt den Kopf des Angeklagten und rammt ihn viermal mit aller Kraft mit Mund und Kiefer gegen die scharfe Tischkante. Der Angeklagte rutscht röchelnd halb unter den Tisch.

Der Wärter kommt zurück, sieht den über und über Blutenden und brüllt plötzlich los: „Warum mache ich das mit? – Warum machst Du das mit?“

Befehl“, antwortet der Bullige sachlich.

Der unter dem Tisch Liegende gibt entsetzliche Laute von sich und spuckt Blut – halb geronnen – und Zahnsplitter.

Bald sind etwa 20 Leute versammelt mit merkwürdigen Köpfen und Gesichtern, aufgescheucht durch das Schreien.

Der zuerst Gefragte stammelt: „Warum habe ich das mitgemacht?“, zeigt auf den wieder bewusstlos Gewordenen und fragt die anderen: „Habt ihr euch den angeguckt? Habt ihr alle auch sowas gemacht?“

Die Angesprochenen nicken nur stumm: „Ich auch.“

Findet ihr das in Ordnung?“

Die meisten schütteln den Kopf, einige zucken nur mit den Schultern.

Woher haben wir denn den Befehl?“, bohrt der Wärter weiter.

Woher? Du fragst aber blöde, von der Anstaltsleitung, steht doch oben auf dem Blatt. ‚Der Leiter‘ mit richtigem Stempel und so…“

Kennst Du den? Ist das vielleicht der General, der den da hergeschickt hat?“

Der kann nicht der Leiter sein, der ist der verhörende General, das macht kein Leiter.“

In dem Moment geht die Tür auf: ein Offizier in Uniform mit Goldtressen an Ärmelaufschlägen und Kragen.

Achtung, der General.“ Alle stehen verunsichert da, die Angst kriecht wieder hoch.

Der General brüllt: „Was ist hier los, habt ihr nichts zu tun?“

Doch, sagt der Bullige: „Befehl ausgeführt, da liegt der Kranführer, den Sie mit dem Befehl ‚Nr. 2‘ geschickt haben.“

„‚Befehl Nr. 2‘ habe ich geschrieben“, sagt der, aber ich habe nicht geschrieben, daß ihr ihn zusammenschlagen sollt“

Haben Sie doch!“, brüllt nun auch der Bullige, „Sie wollen ja wohl nicht behaupten, ich hätte ‚Nr. 2‘ erfunden?“

Ich auch nicht“, stöhnt der General: „Ist das wirklich gemeint mit ‚Nr. 2‘?“ Er lehnt sich an die Wand, rutscht runter, sitzt bald nun auch stöhnend auf dem Boden.

Der Wärter: „Das kann doch wohl nicht wahr sein, dass ausgerechnet Sie nicht wissen, was Sie uns befehlen! Sie lügen, Sie wollen sich nur rausreden.“

Du hör mal“, sagt da der Schmale, der ein bisschen wie ein Pfarrer aussieht, „wenn Du jetzt so mit dem General sprichst, machst Du das Gleiche, was er gemacht hat in seinem Verhör mit dem Kranführer“.

Alle schauen sich fragend und entsetzt an.

Aber“, brüllt ein anderer: „Er hat doch so eine lange Ausbildung, da hat er doch gelernt, was für Strafen es gibt.“

Nein“, versucht der General zu erklären: „Da haben wir Staatsrecht, Volksgeschichte, Pädagogik, Verhörtechnik und Gesichts- und Schriftanalyse studiert und wie gefährlich für unseren Staat Volksverräter, Aufständische und Volksverhetzer werden. Die müssen doch hart bestraft werden. Meistens dachte man da an ‚in die Wüste schicken‘. Doch das war nicht die Aufgabe eines Verhörenden. Da war ein ganz anderes Gebiet.“

Aber wenn Sie nun nachgefragt hätten?“

Nein, das war gefährlich, da konnte es einem schlecht gehen, also besser schweigen.“

Wieder brüllt der Wärter in den Raum:

Warum habe ich das mitgemacht, ich fand es doch furchtbar!“

Haben Sie sich das auch mal gefragt?“, wendet er sich an den General, der inzwischen wieder aufrecht steht.

Ja“, sagt der leise, „diese Frage hat mich lange begleitet, die hat mich ja heute auch zum ersten Mal hierhergetrieben, ich wollte sehen, was mit dem Kranführer geschieht, denn er hatte ja recht.“

Aber warum machen Sie und wir und auch die Gerichte das mit? Kann das denn niemand beantworten?“, schreit wieder der Wärter.

Ja, sagt der lange Schmale: „Wir machen mit aus Angst. Und Angst ist das Mittel des Teufels, um sich die Menschen gefügig zu machen. Wir sind alle in den Fängen des Teufels.“

Und jetzt machen wir nicht mehr mit und gehen nach Hause“, erklärt ein recht junger Mensch. „Wer macht mit?“

Und siehe da, sie sagten alle: „Jetzt ist Schluß mit Verbrechen, Lüge und Folter. Wir brauchen auch keinen großen Kran mehr, der schöne alte Häuser zerstört.“ Und der General ergänzte: „Jetzt fangen wir an, wir, die Aufgewachten. Wir waren Idioten, so lange mitzumachen – sträfliche Idioten. Dabei ist es doch so einfach. Nun soll der Teufel, der doch von uns lebt, Angst vor uns bekommen. Seine Truppe ist doch sehr klein, eigentlich nur des Teufels Großmutter.“

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Ich wache erleichtert auf.

Ursula Haverbeck

im Juli 2018

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